Venezia in bianco e nero
- Sven Edel
- vor 5 Stunden
- 7 Min. Lesezeit
...auf Deutsch: Venedig in schwarz und weiß

Recht spontan ging es Mitte Januar 2026 nach Venedig. Ein Ziel, das schon lange auf meiner Foto-Bucketlist stand und das mich vor allem reizte, um die Stadt bei "schlechtem" Wetter zu fotografieren. Nebel war mein Traum, Regen hätte ich auch genommen. Wie so oft, wenn man sich so etwas wünscht, kam es ein wenig anders. Mit anderen Worten: strahlender Sonnenschein mitten im Januar. Arschkalt. Aber ja, strahlender Sonnenschein ☀️
Nun denn, wie so oft: einmal von Anfang an 😉
Nach einem ziemlich straffen vierten Quartal im Büro hatte ich die Hoffnung auf einen "entspannteren" Jahresbeginn. Da dem nicht so war, entschied ich mich zwei Tage, die tatsächlich frei von geblockten Zeiten waren, für mich zu blocken. Sicher ist sicher, wurde im Outlookkalender schonmal Urlaub eingetragen, ohne zu wissen wofür. Goodie, was mach ich denn mit der freien Zeit? Runterkommen, ist klar. Aber wie? Einfach daheim bleiben und in die Sauna gehen? Ne, dafür sind mir die Tage zu schade. FOMO? Also: fear of missing out. Gibt es wohl nicht nur bei fotografischen Motiven, sondern auch bei geplantem Urlaub. Handy gezückt, ja, ich komme noch aus einer Zeit, in der man Handy sagte, nicht Smartphone oder gar iPhone,... also, Handy gezückt und die Foto-Bucketlist aufgemacht. Was steht ganz oben? Venedig. Hey, zwei Nächte Venedig. Das wär doch was. Gesagt getan, Flug gebucht und ein schnuckliges kleines Hotel, mehr braucht es vorab nicht.
Ok, Equipment braucht es noch. Die verdammte Qual der Wahl. Entsprechend meiner Hoffnung auf Nebel war die M11 Monochrom gesetzt, auch wenn mir so ziemlich jeder sagte, ich solle doch irgendwas an Farbe mitnehmen. Da ich mich selbst challengen wollte, Hashtag Denglish, kam das aber nicht in Frage. Spoiler: ich sollte es nicht bereuen, nur schwarz-weiß dabei zu haben. So: 📷 ☑️
Objektive? Puh, das war garnicht so einfach, die Qual der Wahl halt. Zuerst hatte ich das 35mm APO und das 90mm APO im Kopf, sollte Regen gemeldet sein, würde das 35mm APO daheim bleiben und das 35mm Summilux FLE (I) mitkommen. Dann noch ein 50er dazu 🤔? Oder statt dem 90er APO das Thambar? Oh man, das Thambar habe ich doch nur zum sammeln und zocken gekauft. Oder doch nicht? Gut, 50er kommt auch noch mit, aber welches? Das Lux Asph. ist zu gut, ich will was mit Charakter, aber das Summarit ist unberechenbar und, ja ich denke ich nehme das Thambar mit, zu nah am Thambar. Manche würden sagen: matschig. Also das Noctilux. Yeah, der Brocken ist schonmal gesetzt. Wetter, scheint trocken zu bleiben, also 35er APO. Nach vielem, viiiiiiiiiiiiielem hin und her stand also das Setting:
M11 Mono
35mm APO
50mm Nocti f0.95
90mm Thambar-M
Bis ich die ersten Stunden in Venedig war, sollte ich mich unsicher fühlen, ob die Kombi so richtig war. Spoiler #2: sie war goldrichtig 😎

Beim Flug über die Alpen mit einer irren Aussicht belohnt worden:
Berge, die sich durch die Wolkendecke schoben 😍
Nicht richtig in Venedig angekommen, ist schon der Weg in die Stadt besonders. Logo, eine Stadt im Wasser. Wie kommt man wohl hin: mit'm Boot - aka Wasserbus - aka Alilaguna. Das Wasser war nicht sonderlich rau und trotzdem hat es teilweise heftig gewackelt. Zumindest mal für eine Landratte wie mich 🐀
Alilaguna
Orange Linie
Ausstieg: Rialto
Wer beim Denken nicht zu sehr auf Glück angewiesen ist, hat eine Idee, was mich dort erwartete: die Rialtobrücke.

Wie unfassbar schön kann eine Szenerie sein?
Venedig: "ja"

Oben auf der Rialtobrücke tummeln sich eine gefühlt schier unendliche Anzahl an Touris, die verbotenerweise - aber für mich und meine Fotos dankenswerterweise - Möwen und Tauben anlocken.

Thambar - bedeutet wörtlich übersetzt wohl "unscharf"
Aber: abgeblendet und richtig fokussiert (hier auf die Häuser) ist das Thambar erstaunlich scharf.
Nachdem ich die ersten Eindrücke verdaut hatte, und ich war wirklich erschlagen von der Einzigartigkeit, die diese Stadt in allem ausstrahlt, ging es in Richtung Hotel. Und wie schon an der Rialtobrücke, die über den Canal Grande führt, ist auch in den Straßen und Gässchen echt jede gottverdammte Ecke fotogen. Ein Wahnsinn! Und dann die Menschen dazu, es passt einfach so viel so gut.
Keine Stunde in Venedig, habe ich mich in die Stadt verliebt ❤️

Soll mir doch jemand sagen, dass das keine liebliche Szene ist.

Ist das Street oder kann das weg?
Durch die Verzerrung mag ich das Bild gerne, ich finde, es lebt ein wenig.

Thambar as its best
Mit Gegenlicht wirken die Bilder kein Stück matschig, sondern einfach verträumt. Love it or hate it. Dazwischen wird es wohl kaum was geben.
Nach dem Einchecken im Hotel, das Ai Reali, ging es für mich erstmal auf die Jagd. Also auf Futtersuche. Mittagessen stand an. Wenn ich allein unterwegs bin, experimentiere ich außerordentlich gerne und vertraue hierbei auf Empfehlungen. Am liebsten natürlich Empfehlungen Bekannter. Wenn das nicht geht: Tripadvisor. Und dazu bitte kein Tourinepp. Rausgeworfen wurde mir das Marco Polo. Alles klar, also geht es dahin. Ach, da Venedig eine echt überschaubare Größe hat, zumindest die Hauptinsel, wenn man sie so nennen darf, kann man alles zu Fuß machen. U-Bahn gibt es nicht. Haha... #Steuerberaterhumor 🙄
Vor dem Restaurant Marco Polo angelangt, sah ich durch die Scheiben und erblickte ein paar Gondolieri, also Locals. Perfekt, das ist meistens ein gutes Zeichen. Rein in die gute Stube und Essen fassen. Typisch deutsch saß ich um 12 Uhr beim Essen und erfreute mich einer entspannten Atmosphäre. Neben mir waren nur ein Pärchen im Restaurant und drei oder vier Gondolieri. Das Marco Polo ist ohnehin nicht furchtbar groß, schätzungsweise neun oder zehn kleine Tische. Bestellt hatte ich Pasta. Und yummy, die waren lecker 😋 keine Riesenportion, dafür aber echt sau lecker! Das schöne dabei, ich saß in bester Position und hatte einen Blick über das gesamte Restaurant. Denn bei den drei oder vier Gondolieri sollte es nicht bleiben... nicht mal annähernd. Gefühlt kam alle zwei Minuten jemand mit Hut und gestreiftem Oberteil rein, deren klassischem Outfit. Irgendwann war der Laden dann randvoll mit Gondolieri. Geil, das war ein tolles Bild 😊

Aus dem Kontext gerissen, könnten es auch Häftlinge sein.
Angestachelt von dieser bildlich so schönen Interaktion zwischen Umgebung und Mensch, hatte ich mir auf den Plan genommen, Locals zu fotografieren. Etwas, das mir ehrlicherweise recht schwer fällt, also Menschen ansprechen, ob ich sie fotografieren darf. Ein paar Male habe ich mich dann aber getraut:

entstanden mit dem Nocti bei (ca.) f2.0
Hier der Inhaber des Ristorante Da Rimo, der so garnicht happy war, dass ich ihn fotografieren wollte. NIcht, dass er aggressiv reagiert hatte, das hat niemand in Venedig, er war eingeschüchtert und fragte, warum ich gerade ihn fotografieren wolle. Habe ihm dann gesagt, dass ich seinen Look ausgesprochen cool und markant finde. Die ersten Bilder waren gelinde gesagt eine Katastrophe: Amateurphotograf trifft auf völlig unsicheres Modell... Wir saßen danach noch kurz am Tisch zusammen und quatschten ein wenig, bis er den Kopf auf den Händen ablegte und ich sagte, dass er sich jetzt bitte nicht mehr bewegen soll 😅. Dabei entstand das obige Foto, das ich sehr gerne mag.
Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das Essen super war!
Ein weiteres Mal habe ich die Kellner in Harry's Bar um ein Foto gebeten. Ach wie geil die zwei grinsen und zusammenpassen. Leider war das Bild erstmal massiv unterbelichtet, da ich die Mono entsprechend eingestellt hatte. Die Blicke der Kellner auf das Display waren somit ein wenig ernüchternd. Sehr professionell haben sie mir für dieses tolle Foto gratuliert. Innerlich hab ich laut gelacht. Das Bild sah einfach nur brutal unterbelichtet aus. Dank massiver Reserve für die Mono jedoch kein Problem, sodass folgendes Bild realisiert werden konnte:

entstanden mit dem 35er APO
Die Bar selbst ist ein wenig speziell. Service: schlicht und ergreifend perfekt! Atmosphäre: entspannt mit gediegenem Luxus. Essen: gut bis sehr gut.
Also alles super? Leider nein, was jedoch einzig und allein mein Verschulden war, denn ich Vollidiot hatte zwei Tatsachen bei der Recherche ignoriert.
Tatsache 1:
Die Bar liegt nur unweit vom Markusplatz entfernt. Nicht gerade eine C-Lage.
Tatsache 2:
Auf der Homepage waren keine Preise auf der Speisekarte vermerkt.
Das Ergebnis:
Mein teuerstes Abendessen aller Zeiten...
Nun kann ich allerdings auch mitreden, denn Harry's Bar war die Stammbar von Ernest Hemmingway, kann auf Besucher wie Charlie Chaplin, Orson Welles, Truman Capote, Peggy Guggenheim und Woody Allen zurückblicken und dort wurde der Bellini-Cocktail erfunden. Im Ergebnis wohl ein kleiner Preis für eine unfassbar spannende Erfahrung.
...
Am Morgen darauf bin ich durch die Gassen von Venedig gezogen, völlig planlos, und habe mich einfach treiben lassen. Etwas, das man in Venedig sehr gut machen kann, da die Wege insgesamt nie so furchtbar weit sind. Das schöne daran ist so oft, dass man Dinge sieht, die einem sonst wohl nicht untergekommen wären. So zum Beispiel die Galerie des lokalen Fotografen Marco Missiaja. Beim Vorbeigehen an seinem Schaufenster blitzte mir doch ein Leica-Blechschild entgegen. Auf die Frage, ob es verkäuflich sei, antwortete er, dass er alles verkauft, was im Laden steht, ich ihm doch bitte genau zeigen solle, was ich meine. Am Blechschild angelagt, grinste er mich an und sagt: "Oh sorry, this one is vintage and not for sale." Shit, hatte ich mir schon gedacht 😅

Ein Porträt bei f0.95 ist ein wenig herausfordernd... Die Ohren sind scharf 😜
Als über die Fotografie hinaus interessierte Persönlichkeit, wollte ich mir eine Stadtführung nicht entgehen lassen. Nach klitzekleiner Recherche war ich auf die Stadtführung mit dem Titel
gestoßen. Wie geil 🤩 Und ja, es war eine mega gute Führung. Wir haben viel gestaunt und auch gelacht, waren teilweise erschaudert und zugleich fasziniert von der Kultur und den Geschichten Venedigs. Well done, immer wieder gerne diese Tour.

Selbstredend geführt von einer echten Venezianerin.
Ooppsss, ich verliere mich schon wieder in so viel Text. Dabei wollte ich nur 'nen kurzen Querschnitt meines Venedig-Trips zeigen. So gut es geht, lasse ich daher mal ein wenig die Bilder für sich sprechen:



Ok, zuminest drei Bilder durften noch für sich stehen. Wer bis hierhin gelesen hat, bekommt bei persönlichem Treffen ein High Five und "gut gemacht" 😉
Ich hoffe, ich konnte euch an meiner Liebe auf den ersten Blick ein wenig mitnehmen. Eine wundervolle Stadt, in der ich nicht das letzte Mal war. Ganz bestimmt werde ich aber auch beim nächsten Mal die Touristenmassen des Sommers meiden und die "kalten" Monate wählen.
Eines noch, die Stadt und die dabei entstanden Bilder haben mir so gut gefallen, dass ich hierzu ein Zine gestaltet habe. Nichts abgefahrenes und mein allererster Versuch ein schmales Fotoheftchen zu gestalten. Wer Interesse hat, ich gebe sie zum Selbstkostenpreis von 20,- € ab. Schreibt mir einfach über Instagram: @edel_wie_fein_foto
Und nun, wie der Venezianer sagt: Arrividerci 👋🏻
Transparenz: Im Artikel gibt es ein paar Verlinkungen. Leider sponsort mich von den "Verlinkten" keiner, nichtmal ein Essen gab es für Lau, dafür einige tolle Gespräche. Die Verlinkungen sind daher aus der Überzeugung entstanden, dass es sich lohnt, diese Orte und Menschen aufzusuchen. 😊


