Back to basics... oder vollkommen eskalieren?
- Sven Edel
- 28. Mai
- 6 Min. Lesezeit

Thambar-M bei f2.2 - glow as it's finest
Los geht es Mitte März 2026...:
Was soll dieser reisserische Titel bedeuten? Ganz einfach: Über die letzten paar Jahre habe ich - sorry für den Ausdruck, er ist aber nunmal unglaublich passend - einen ganzen Arsch voll Kohle für Objektive und Kameras meiner Wetzlarer Liebe ausgegeben. Liebe? Ist das nicht etwas überzogen?
Naja, die Definition lt. Duden lautet:
„starkes Gefühl des Hingezogenseins;
starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem [nahestehenden] Menschen“
Also ist es, bis auf den Menschen, schon passend. Ey, ich habe eine Leica MP Black Paint mit 35mm Summilux Asph. FLE (I) auf der Wade tätowiert. Das macht man ja nicht einfach mal so aus Jux und Dollerei. Goodie, soviel also zur kurzen Exkulpation, dass man eine Kamera lieben kann und Hut ab an mich selbst, dass ich direkt im ersten Absatz vom Thema abgekommen bin.
Dem Hintergrund des Titels sind wir damit immer noch keinen Millimeter näher gekommen. Also, seit 2021, dem Jahr, in dem ich das finanzielle Höllentor nach Wetzlar aufgestoßen habe, habe ich doch eine ganz süße Sammlung an Objektiven erworben. Im Moment reden wir da über die Folgenden:
15mm Voigtländer
28mm Voigtländer Nokton f1.5
Puh, das waren schonmal die Günstigen, jetzt gehts richtig los:
24mm Elmar-M
2,8cm Hektor
35mm Summilux Asph. FLE (I)
35mm APO-Summicron
50mm Summilux (einzigartig, da mit roter Schrift, anstatt gelb)
50mm Noctilux f0.95
50mm Noctilux f1.2 (Vorbesitzer: Alan Schaller)
90mm APO-Summicron
90mm Thambar-M (hiernach hatte ich drei Jahre, nicht kontinuierlich, aber immer wieder, gesucht)
135mm APO-Telyt
Dann ist da noch eine Kleinigkeit von vier Bodys, zwei Digitale (M11-D und M11 Mono) und zwei Analoge (M3 und MP). Achso, eine Sofort 2 gibt es auch noch.
Der ein oder andere Leica-User wird jetzt lächeln und sich denken „ach, nur die paar Teile, ist doch überschaubar“.
Aus Sammlerperspektive:
sicherlich.
Aus fotografischer Perspektive:
sicherlich nicht.
Klar, es ist schon geil das Nocti von Alan Schaller zu besitzen. Oder für die Klugscheißer: Eigentümer - und zeitgleich Besitzer - zu sein. Schaller ist zwar kein Cartier-Bresson. Vielleicht aber auch einfach noch nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass ich den Stil von Schaller, also seine Bilder, nicht seine Klamotten, da ist er doch etwas speziell, unfassbar gerne mag. Und auch ein Thambar-M, mein bislang teuerster Schnellschuss. Das Thambar-M hat mich fasziniert, seit ich bei Leica M eingestiegen bin. Es ist ultraspeziell und mindestens genauso selten. Seit 2022 habe ich immer wieder nach dem Thambar-M, nicht der Schraubversion, gesucht und es nur einmal gefunden. Seinerzeit im Classic Store Wetzlar. Dort war es jedoch einem Saudi versprochen. Grrrr. Und dann im November 2025 scrolle ich durch den Onlineshop (classic.leica… usw) und was springt mir entgegen? Ein fucking Thambar-M. Whaaaaaaat? Kurz den Kontostand mit dem Preis abgestimmt und bestellt. Als es dann daheim war, war das schon etwas besonderes 🤩. Das Objektiv, nach dem ich so lange gesucht hatte,... es war endlich da.
Aber, und das ist ein ziemlich bekacktes „aber“, weshalb hatte ich eigentlich so lange danach gesucht? Mhhhh, gute Frage... Sicherlich, den Bildlook erzeugt man wohl kaum auf anderem Wege. Definitiv kein Daily Driver und für meine Art der Fotografie, also in erster Linie die Begleitung meines Lebens (aka document your life), nicht sonderlich gut geeignet. Weshalb also? Rückblickend denke ich, weil es sonst einfach niemand hatte und ich damit auch ein wenig auf dicke Hose machen kann.
Ohhhh, wie traurig.
Egobooster?
Minipimmel?
Nein.
Kompensation.
Kompensation, wenn es an anderer Stelle nicht so super läuft oder ich nicht zufrieden bin. Und da habe ich mich mit einem guten Freund bereits im Konsens zu ausgetauscht:
Je beschissener die Umstände sind, desto teurer werden die Kompensationskäufe...
Damit muss jetzt Schluss sein.
Fokus zurück auf die Fotografie.
Fokus auf den Prozess.
Fokus auf das Ergebnis.
Und ja, Fokus auf dessen Präsentation.
Nicht nur auf Gear, auch wenn Gear geil ist. Ja, ja wissen wir alle.
Kurzer Abriss vorweg: das 2,8cm Hektor aus den 1930ern war das erste Objektiv, das ich quasi als Sammlerstück erworben hatte. Ziemlich speziell und fernab der breiten Masse. Ehrlich gesagt ist es schon nett, wenn man für sein Equipment beneidet wird. Sicherlich ein nicht zu vernachlässigender Grund, dass sich so viel Gear über die Zeit angesammelt hatte. Hatte. Präteritum...

Flares kann das Hektor gut
Damit wäre die Eingangsfrage
back to basics oder völlige Eskalation
im Grunde schon beantwortet. Denn, was will ich mit völliger Eskalation sagen? Einfach das zu kaufen, worauf man Bock hat, ohne Rücksicht auf die fotografische Sinnhaftigkeit. Obwohl, diese Erkenntnis bleibt, es wird nichts mehr allein mit Sinn und Verstand gekauft. Wenn das bei Leica M überhaupt möglich ist 😜. Tatsächlich habe ich mir das Ziel abgehakt, alle Noctiluxe und Summiluxe sämtlicher Brennweiten zu besitzen.
Nun steht der schmerzhafte Teil an. Den Kram, den man nicht braucht oder vielmehr den Kram, den man nicht nutzt, denn dann brauch’ ich ihn auch nicht, auszusondern und sodann zu verkaufen. Zumindest mal in gängigen Portalen zu inserieren. Denn, um einen guten Freund zu zitieren: „derzeit verkauft sich die ganze Sch!#§$ nicht“. Nicht ganz so tragisch, Zeit habe ich ja, es sind ja keine Notverkäufe die anstehen. Nein. Es geht in erster Linie zum Glück nicht ums Geld.
Klar ist auch, dass mehr Glas, also Objektive, in keinerlei Verbindung zu mehr Kreativität, geschweige denn besseren Bildern steht. Ganz im Gegenteil: Optionen lähmen. Sie befreien nicht. Allein schon, wenn man hin- und herüberlegen muss, was man nun mitnimmt. Welcome to the very first world problems.
Verändert denn nun weniger Gear das Fotografieren? Schon irgendwie, ja. Denn der Fokus liegt eben auf dem Fotografieren, dem Prozess, dem Bild. Und nicht darauf, ob ein anderes Objektiv nun doch besser passen würde. Allerdings wäre der gleiche Effekt da, wenn man mit nur einem oder eben wenigen Objektiven zum Fotografieren loszieht. Ich denke daher, dass es sich dabei um ein sehr subjektives Thema handelt, das jeder für sich selbst ausmalen muss.
Als ich in Venedig war oder auch zur einer Fotosession abends in der Loh Collection, wurde mir wieder einmal bewusst, weshalb ich 2019 so in das Rabbithole Fotografie gefallen bin. Es ist der Prozess des Fotografierens, das sich Gedanken machen über das Motiv, die Wirkung von ISO, Blende und Belichtungszeit auf den gewählten Rahmen. Natürlich die Faszination für die M, mit der man so anders an die Fotos herangeht als wohl mit jeder anderen "modernen" Kamera.

Lamborghini Countach Interior mit Noctilux-M f0.95 aufgenommen.
Unterm Strich sind es dann aber immer die gleichen drei, vier Objektive, die ich mitnehme und mit denen die oben beschriebene Faszination ausgelebt werden.
Ganz klar und vorne weg ist es das 35er Summilux FLE. Auch das 50er Summilux. Tatsächlich bin ich ein riesiger Freund des 0.95 Noctilux. Das nutze ich trotz des Gewichts von gut 800g sehr häufig. Und dann? Ja dann muss ich schon schwer drüber nachdenken.
Wenn ich die Euphorie des Neuen nivelliere, steht der Rest zur Disposition. Mit anderen Worten drei nicht ganz günstige und erst kürzlich angeschaffte Linsen. Das 35er APO, das Thambar-M und auch das Schaller-Noctilux. Die beiden Letztgenannten sind eher so Sammlerdinger. Schon geil in der Vitrine zu haben, aber für mich dann doch nichts, das ich rege nutze. Das 35er APO… Ohhh, dieses 35er APO. Eine phänomenale Abbildungsleistung, das steht außer Frage, bildschön mit seiner eckigen Gegenlichtblende, dazu noch kompakter als das 35er Summilux. Trotzdem: Was nehme ich lieber mit und habe ich noch viel lieber in der Hand? Mein 35er Summilux. Klar, das APO wird wohl in so ziemlich allen Belangen besser abschneiden. Hier geht es aber nunmal um Gefühl, nicht Datenblätter. Damit verkommt das 35er APO zu einem teuren Fehlkauf 😶.

Habt ihr beim Lesen die Stimme des
Sprechers von Spongebob gehört? 😁
Nun ja,...
Mittlerweile sind schon fünf Objektive verkauft. Das 15mm Voigtländer, das 24er Elmar, 35er APO, das 90er APO und wider Erwarten auch schon das Thambar. Hat weh getan, aber auch irgendwie gut getan. Häh? Masochismus? Oh jaaaaa, härter.... gibs mir... Sorry, ich schweife ab...
Es ist tatsächlich ein gutes Gefühl Gear abzubauen. Es lenkt den Fokus auf das Fotografieren. Und das macht Spaß 😊 Beim Thambar war es keine einfache Entscheidung, das Ding dann final wirklich wegzugeben. Ich muss allerdings auch realistisch sein: bei so einem Spezialisten auf dem Preisniveau konnte ich schon happy sein, in so kurzer Zeit einen Käufer gefunden zu haben, der dann auch noch etwas mehr gezahlt hat als ich seinerzeit 🤑.
Tjaja, nun ist also alles, was ich inseriert hatte, weg. Bis auf das Schaller-Nocti, das in Kleinanzeigen und eBay liegt wie Blei. Auf der anderen Seite, es hat schon einen tollen Look. Behalte ich es also vielleicht doch?



